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Montag, 24. Oktober 2011

Der Hund im Rollstuhl


Hier in der Stadt lebt ein Hund, dessen Hinterteil einschließlich beider Hinterläufe gelähmt ist. Sein Herrchen gehört offenbar zu den Menschen, die auf der Straße leben (müssen), man sieht die beiden oft in der Innenstadt. Trotz seiner Lähmung kann der Hund überallhin mitlaufen, denn sein Herrchen hat ihm so etwas wie einen Rollstuhl gegeben. Dieser besteht aus einem Metallgestell mit zwei kleinen Rädern und einem Gurtsystem um den Bauch des Hundes, und in zwei Ledergurte im hinteren Teil des Gestells können die Hinterpfoten eingehängt werden. So ist der Hund trotz Lähmung beweglich, kann am Leben teilnehmen und selbständig laufen, und zum Ausruhen kann ihm der Rollstuhl einfach abgenommen werden.

Der Anblick dieses Hundes im Rollstuhl ist ungewöhnlich und auch berührend ... große Sprünge kann er nicht machen, und der Jüngste scheint er auch nicht mehr zu sein.

Drei Frauen unterhalten sich darüber. Eine sagt: "Also, das ist ja ganz unmöglich, wie der mit dem Tier umgeht ... das ist ja Tierquälerei! So einen Hund muss man doch einschläfern, wie kann man sowas machen!" Die zweite sagt: "Aber der Hund hat doch ein eigenes Recht auf Leben, auch wenn er halb gelähmt ist." Vehementer Widerspruch: "Wie bitte? Das ist doch verantwortungslos! In freier Wildbahn wäre der Hund längst erledigt." Und die dritte fügt hinzu: "Wenn man schon einen Hund hat, muss man auch Verantwortung übernehmen und das Leiden beenden."

Muss man das? Muss man ein Lebewesen umbringen, wenn es krank ist? Könnte man nicht Menschenmögliches tun, um dem Tier zu helfen? Der Hund lebt nun mal nicht in freier Wildbahn, sondern in einer steinernen Innenstadt, sehr fern von hundefreundlicher Umgebung - schlimm genug. Was für Vorstellungen vom Leben - dem kostbarsten Gut auf unserer irdischen Bühne - haben Menschen im Kopf, dass sie glauben, ihrem Gefährten nach eigenem Gutdünken das Lebenslicht ausblasen zu dürfen? Hat der Mensch das Recht, über Leben oder Tod eines Tieres zu entscheiden?

Nein, das hat er natürlich nicht - trotzdem tun das viel zu viele Menschen so, mit einer unfassbaren Überheblichkeit.

Mir erscheint es wie ein Akt von Liebe, trotz aller widrigen Umstände diesem Hund die Teilnahme am Leben zu ermöglichen. Tiere haben wie Menschen einen freien Willen, eine Seele und einen Geist, der Entscheidungen treffen kann. Ein Tier gibt sich dem Leben hin, solange es lebt, und auch ein Tier ist durchaus in der Lage, sich mit einer Krankheit zu arrangieren. Wer mit einem Hund wirklich liebevoll verbunden ist, wird das wissen. Mir scheint in vielen Fällen eher der Mensch dasjenige Wesen zu sein, das Hundeleid nicht mitansehen kann oder will.

Ich sehe keinen Unterschied zwischen Menschenleben und Tierleben - kein Leben der Welt ist weniger wert als ein anderes, und jedes einzelne Lebewesen hat seinen ganz ureigenen Grund, auf die Welt zu kommen. Und - wer weiß schon, was Hund und Herrchen einander vielleicht bedeuten? Das ist deren Sache, niemand hat das Recht, darüber ein Urteil zu fällen.

Ob die beiden Damen noch genauso denken, wenn sie mal so alt sind wie der Hund, vielleicht nicht mehr ganz gesund und vielleicht auf einen Rollstuhl und Hilfe angewiesen? Was würden sie wohl sagen, wenn ihre Familie beschließen würde, sie einschläfern zu lassen, und das mit "Verantwortung" begründet?

Die zweite Frau war übrigens ich. Ich habe mir wieder einmal den Mund verbrannt, weil ich unverrückbar daran glaube, dass jedes Leben auf dieser Erde einen Sinn hat.

 

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