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Donnerstag, 13. März 2008

Das Erbe


Vor einigen Tagen habe ich das Video " Das Schweigen der Quandts" angesehen - mochte erst nicht ... was hab ich mit der Kriegsgeneration am Hut? ... reicht's nicht mal langsam mit der deutschen Vergangenheit? Doch es wollte unbedingt. 

Deutschland hat ein unbewältigtes Erbe, und kein sehr schönes. Deutschland verdrängt - ich auch, und doch ist jeder von uns noch betroffen durch das Erbe der Eltern, Großeltern, auch noch Urgroßeltern. Wie jede andere Prägung durch familiäre Bindung vererben sich auch die Spuren des verheerenden 2. Weltkriegs und besonders auch die des Geschehens in Deutschland - wie könnte es anders sein? 

Und Deutschland hat ein Problem: Der alte Herrenmenschengeist ist noch da und will auch nicht zurück in die Flasche. Wie denn auch - er kann sich doch hier in aller Freiheit weiter austoben, und wird nicht mal gesehen. Zwar sind nicht mehr unbedingt Menschen jüdischer Herkunft die öffentlichen Buhmänner und -frauen, heute sind es andere Andersgeartete. 

Das Video handelt von der Familie Quandt, der bekanntlich die Bayrischen Motorenwerke (BMW) gehören. Ich wusste nicht, auf welcher Hinterlassenschaft das Vermögen der Firmeninhaber gegründet ist. Der Film hat mich nicht nur einigermaßen erschüttert, sondern auch tagelang sehr nachdenklich gemacht. Viele deutsche Rüstungsunternehmer, die im Krieg reich geworden sind bzw. ihr Vermögen bewusst verdient haben durch u.a. die Beschäftigung von Zwangsarbeitern unter menschenverachtenden Bedingungen, sind später dafür zur Verantwortung gezogen worden. Die Familie Quandt ist unbehelligt geblieben, konnte sich entziehen durch geschickte Schachzüge. 

Der Doku-Film vom Herbst 2007 trägt eine Menge über 5 Jahre hinweg recherchiertes Material zusammen und beleuchtet die von der Familie bisher unter dem Mantel des Schweigens gehaltene schmutzige Vergangenheit. Bisher hat sich die Familie geweigert, eigene Quellen offenzulegen oder Stellung zu den damaligen Unternehmensaktivitäten zu nehmen, hat sich auch den Anfragen des Filmteams verweigert. 

Ich vertrete nicht die Auffassung, dass Kinder für die Taten ihrer Väter büßen sollten, die heutige Unternehmerfamilie hat das damalige Geschehen nicht direkt zu verantworten. Aber ist Totschweigen ein guter Weg, die Vergangenheit zu vergessen? Denn eines ist ja noch da und offen sichtbar und vermehrt sich - das Vermögen, ohne dessen Grundstock dieses renommierte Unternehmen mit den eleganten und schnellen Karossen heute vielleicht so nicht bestehen würde, und der Geist, der darin steckt. Es klebt nun mal das Leid der Menschen daran, die damals unter grauenvollen Umständen Reichtum für diese Familie erarbeitet haben. 

Totschweigen ist ein gutes Mittel, nicht erlöste Geschichten unter der Oberfläche weiter schmoren zu lassen. Sie sind nicht wirklich tot. Die BMW-Dynastie mag nur ein Beispiel sein, es gibt sicher noch viele, viele Untote in diesem Land, die eine ebensolche belastete und unter den Teppich gekehrte Vergangenheit haben. Dieser Teppich scheint mir reichlich zur Stolperfalle geworden zu sein, wenn ich den wiederkehrenden Fremden- und Minderheitenhass, Rechtsextremismus, etc. und auch den Umgang unserer Staatsvertreter damit ansehe - der alte Geist lebt. 

Wie sollen die Menschen dieses Landes denn nun mit dem alten vererbten Kram umgehen? Verleugnen geht nicht, bis zum Sanktnimmerleinstag in Sack und Asche gehen ist Blödsinn, sich schuldig fühlen ebenfalls, sich von anderen immer noch und immer wieder schuldig machen lassen, kann's auch nicht sein. Kann man - ein jeder da, wo es ihm möglich ist - nicht mal aufräumen und die alten, in deutschen Kellern schmorenden Leichen ans Tageslicht holen, sie offen ansehen und ebenso offen feststellen, " ... ja, so war es ... das alles ist geschehen, und es war sehr, sehr schlimm ..." ? Der eine oder andere findet vielleicht noch Wege, etwas wiedergutzumachen (den Quandts z. B. wär's immerhin finanziell möglich). Und dann begraben statt anzuklagen, in Frieden sein mit den Sünden der Vorgenerationen statt sich zu schämen, vergeben. Das wäre mal ein gescheites Erbe an zukünftige Generationen. Ist das naiv gedacht, oder ist es zu spät oder gar zu früh für solche Haltung?  

Das Erbe der Familie Quandt jedenfalls scheint mir ein arg happiger Brocken an unverdauter Vergangenheit, mir kommt es beinahe so vor, als würde jeder, der ein Fahrzeug dieser Marke sein eigen nennt, ein Quäntchen dieser Energie spazierenfahren ... ziemlich unangenehme Vorstellung. Über andere Energieströme und z.B. Verquickungen mit Parteien und Politik heutiger Familienmitglieder in diesem oder anderen Unternehmen, die solches Erbe direkt im Blut haben, will ich hier mal gar nicht erst nachdenken, das gehört zu anderen " Baustellen" unsäglicher Strukturen in diesem Land. 

Am Ende des Films (der die erweiterte Version der auf dem Hamburger Filmfest gezeigten ist, siehe auch »hier) erfährt man immerhin, dass die Familie sowas wie eine Aufarbeitung nun - nach dem Fim - wohl doch plant. Man wird sehen.


Das Schweigen der Quandts

 

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