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alltagswelt


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Märchen sind nicht nur für Träumer ... Heute gibt es eines, das eine durchaus herausfordernde Wirkung haben kann: Stell dir vor, dass du dir deine Welt genau so erschaffen kannst, wie du sie dir wünschst ... Der menschliche Geist trägt diese Fähigkeit von Natur aus in sich, aber wir leben so lange schon in Zeiten, die uns das vergessen machen. Die Analogie zu dieser geistigen Fähigkeit besteht im nachfolgenden Märchen daraus, sich seine Welt mit Pinsel und Farbe zu malen. Und stell dir auch mal vor, du könntest alles Hässliche, Verletzende, Bedrückende einfach wegmalen ... und das alles ist dann wirklich und wahrhaftig Realität ... genialer Gedanke, oder?



Der Zauberpinsel



Im Kaiserreich von China lebte ein armer kleiner Junge namens Famfu. Er musste jeden Tag für fremde Leute hart arbeiten, Botengänge machen, Lasten schleppen, Wasser holen und hatte doch nur das Nötigste zum Leben. Er konnte nicht zur Schule gehen, weil er keine Zeit dazu hatte. Sein gößter Wunsch war, malen zu können, aber er hatte keinen Pinsel. So blieb ihm nichts anderes übrig, als mit Stiften zu zeichnen.

Weil er auch kein Papier hatte, nahm er flache Steine, die er am Wege fand, und jeden Abend zeichnete er Bilder von Blumen, Bäumen und Tieren. "Was für wunderschöne Bilder, sie sehen so lebendig aus!" sagte jeder, und alle lobten ihn.

Eines Nachts hatte er einen seltsamen Traum: Ein alter Mann mit weißen Haaren betrat seine Schlafkammer und legte einen schönen Pinsel auf sein Bett. "Weil du dir so sehr einen Pinsel wünschst, sollst du diesen haben", sagte er, "aber nimm dich in acht und gebrauche ihn recht - es ist ein Zauberpinsel!"

Am nächsten Morgen, als Famfu aufstand, fiel der Pinsel zu Boden, und sogar Farbtöpfe standen da. Nun wusste er, dass er nicht geträumt hatte. Aus lauter Freude malte er einen kleinen Frosch an die Wand. Aber der Frosch wurde lebendig und hüpfte weg. Dann malte er einen wunderschönen bunten Schmetterling. Kaum hatte er das Bild beendet, da flatterte der Schmetterling mit den Flügeln und flog davon.

Famfu verstand nicht, was passiert war. Er versuchte es noch ein drittes Mal und malte einen kleinen Goldfisch. Kaum hatte er den letzten Pinselstrich gemacht, da fing der Fisch an zu zappeln, und Famfu musste laufen, um ihm ein Gefäß mit Wasser zu bringen.

Jetzt begriff er, was für eine Magie in dem Pinsel steckte, und er begann nach Herzenslust zu malen: Kleine Häschen, Hühner, Ziegen, Schafe und Lämmlein. Als er hungrig wurde, malte er sich ein Frühstück. Jetzt musste er nicht mehr arbeiten, denn alles, was er brauchte, konnte er sich malen. Seine armen Nachbarn lud er zu einem festlichen Essen ein, schenkte ihnen ein Lämmlein oder ein Huhn und malte kleine Blumensträuße zum Abschied. Einem Bauern, dem sein altes Pferd gestorben war, schenkte er eine prächtige junge Stute. Er liebte es, den armen Menschen zu helfen, und bald war er im ganzen Land bekannt.

Auch der Kaiser hörte von Famfu und seiner Kunst, aber er wollte nicht glauben, was ihm da erzählt wurde. "Das gibt es nicht!", sagte der Kaiser von China, "das sind Märchen, die alte Frauen kleinen Kindern erzählen". Insgeheim aber dachte er darüber nach, wenn man seine Wünsche einem solchen Malkünstler einfach in Auftrag geben könnte, und alles, was man sich vorstellte, ginge in Erfüllung. "Pustekuchen und Luftschlösser!" sagte er schließlich.

"Ich bin der Kaiser von China! Mein Palast ist der schönste und größte im ganzen Kaiserreich!" Aber nach kurzer Zeit merkte er, dass er sich darüber ärgerte, dass sein Palast nicht noch größer war. "Man bringe den Einfaltspinsel hierher, in den Palast! Ich will prüfen, ob seine Behauptungen wahr sind oder nicht", befahl er schließlich. Er hatte sich überlegt, eine Kiste Gold malen zu lassen, denn das war es, was er sich wünschte.

"Es ist eine große Ehre für mich, dass Eure Majestät mich rufen ließ", sagte Famfu, als er vor dem Thron stand, "aber ich arbeite nur für arme Leute. Der Kaiser von China braucht meine Hilfe nicht!"

Das hatte der Kaiser nicht erwartet.

"Wie wagst du, mit mir zu reden, du Pimpf, du Pinsel. Schmeißt ihn in den dunkelsten, tiefsten, kältesten Kerker von China!", rief der Kaiser empört, und die Palastwache schleppte ihn weg. "Wenn er hungrig und ängstlich ist, dann wird er alle meine Befehle ohne Widerspruch erledigen!", dachte der Kaiser.

Famfu aber saß in dem Kellerkerker. Er hatte sich ein wärmendes Kaminfeuer gemalt, einen Tisch mit brennenden Kerzen, ein üppiges Abendessen und dazu ein Gläschen Wein. Nach dem Essen fütterte er ein kleines Mäuschen mit den Überresten von seinem Tisch. Dann malte er ein kleines Äffchen mit einer Strickleiter. Das Äffchen kletterte nach oben und legte das Ende der Leiter um einen Baum. So gelangte Famfu in die Freiheit. Am nächsten Morgen fanden die Wärter nur noch das kalte Kaminfeuer, das schmutzige Geschirr und die Strickleiter. Von Famfu keine Spur.

Der Kaiser war wütend und befahl, alle Pferde zu satteln. Die Diener mussten sich auf die Suche nach Famfu machen. Sie suchten in allen Himmelsrichtungen, durchstöberten jeden Strauch und drehten jeden Stein um. Famfu aber saß in einem großen Baum und schaute ihnen zu. Als die Männer des Kaisers ohne Ergebnis zum Palast zurückgekehrt waren, kletterte Famfu vom Baum und ging in eine fremde Stadt.

"Ich muss in jedem Bild einen weißen Fleck lassen, dann können sie nicht mehr lebendig werden", dachte er.

Er zog von Stadt zu Stadt und verkaufte seine Gemälde auf Marktplätzen und bei Stadtfesten. Die Bilder waren sehr beliebt, und er bekam viele Aufträge. Stets achtete er darauf, die Bilder nicht zu vollenden. "Das ist mein besonderes Zeichen", sagte er jedes Mal, wenn ihn jemand fragte, warum die Katze nur drei Beine oder der Hund keinen Schwanz hatte.

"Künstler sind seltsame Menschen", erklärten die Eltern ihren Kindern. Mit der Zeit wurde Famfu als der "Maler mit dem weißen Fleck" bekannt. Niemand wusste, dass er Famfu war. Er war froh, dass die Leute seine Bilder liebten und er ein echter Künstler geworden war.

Eines Tages stand er auf dem Marktplatz einer Stadt und malte, umringt von Zuschauern, einen wunderschönen bunten Vogel. Da geschah es. Er wollte gerade an dem weißen Fleck vorbeimalen, als ihn jemand schubste, und der Fleck war weg. Kaum war der Vogel fertig, da erhob er sich, schlug die Flügel auseinander und flog davon.

Da staunten die Leute und schauten sprachlos hinter dem Vogel her, wie er über ihnen kreiste. Als der Vogel weggeflogen war, starrten sie auf Famfu und einer rief: "Das ist ein Zaubermaler!" Einer lief sofort zum Kaiser. "Da ist jemand in der Stadt, der hat einen Vogel gemalt, und der Vogel ist davongeflogen. Alle sagen, er sei ein Zaubermaler!"

Der Kaiser wusste sofort, das war Famfu. Er ließ ihn auf der Stelle festnehmen, beschlagnahmte den Zauberpinsel und rieb sich fröhlich die Hände. "Mal sehen, ob ich auch mit dem Zauberpinsel malen kann!"

Langsam malte er mit steifen Fingern eine kleine Goldmünze, biss darauf und bestaunte sie von allen Seiten. Kein Zweifel, es war echtes Gold. "Jetzt bin ich der reichste Mann der Welt", rief er übermütig und begann Gold zu malen, immer schneller, immer mehr. "Ich werde Goldbarren malen. Das geht schneller!", sagte er gierig. Die Barren wurden immer größer, immer länger. Plötzlich hörte er neben sich ein Zischen, einer der Barren bewegte sich - wie eine goldene Schlange. Die Schlange drehte sich um und zischte ihn an.

In heller Aufregung verließ er das Zimmer und sperrte die Schlange und all das Gold ein. Er brauchte Famfus Hilfe! "Ich muss ihn überreden!", dachte er. Er ließ sein kleines Töchterchen schön einkleiden und befahl, Famfu in den Palast zu holen. "Famfu, wenn du für mich malst, dann darfst du die Prinzessin heiraten", versprach er. Famfu aber wollte das kleine Mädchen nicht heiraten. "Gib mir meinen Pinsel zurück, dann male ich für dich", sagte er.

"Ich will ein großes Meer haben", befahl der Kaiser. Und Famfu malte ein riesengroßes Meer. "Als Nächstes male Fische für das Meer", gebot der Kaiser. Famfu malte so viele Fische, wie er nur konnte. Einen nach dem anderen nahm er von seinem Malblock und warf ihn ins Wasser. "Jetzt will ich segeln!", rief der Kaiser von China. "Male mir ein Segelboot!" Famfu malte ein Segelboot, und der Kaiser ging mit seinen Leuten an Bord. "Wind, wir brauchen Wind!" schrie der Kaiser. "Male Wind, damit wir segeln können!" Famfu malte Wind, und das Boot segelte hinaus in die See. Er malte mehr Wind und Wellen, und das Boot schaukelte heftig hin und her. "Genug jetzt!" rief der Kaiser. "Hör auf zu malen!"

Aber Famfu malte mit schwungvollen Pinselstrichen immer mehr Wind und Wellen. "Hör auf! Ich befehle dir aufzuhören!" schrie der Kaiser aus der Ferne. Aber Famfu malte so viel er nur konnte. Und das Schiff segelte davon, immer weiter weg. Es wurde immer kleiner, bis es schließlich hinter dem Horizont verschwand. Niemand hatte jemals wieder den Kaiser von China gesehen.

Famfu säuberte den Pinsel am Meeresstrand und ging davon.


(Chinesisches Märchen; Bildquelle: commons.wikimedia.org)

 

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