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Der kleine Fluss


Eines Tages wurde ganz oben in den Bergen ein kleiner Fluss geboren. Er war munter, plätscherte hell und silbern vor sich hin, sein Wasser war kristallklar. Unser kleiner Fluss wurde von einer tiefen, süßen Sehnsucht bewegt. Er wollte, ja, er musste unbedingt zum Meer. Er wusste nicht warum. Er konnte es niemandem erklären, er war sich nur absolut sicher, dass dies seine Bestimmung ist. So sicher, wie du dir bist, wenn du in Kontakt mit deinen tiefsten Herzenswünschen kommst.

Also strömte unser kleiner Fluss dem Meer entgegen. Auf diesem Weg erlebte er so viele Abenteuer. Er liebte das Gefühl, sich zu verwandeln. Von einem flüsternden Quell in einen lachenden Bach. Er spülte viele Kieselsteine, Blätter, Treibholz mit sich fort. Nichts konnte ihn aufhalten. Manchmal lagen riesige Felsbrocken in seinem Weg. Zu schwer für ihn, sie zu bewegen. Jedoch hatte unser kleiner Fluss auch gar keine Zeit für ein Kräftemessen. Er wollte, ja, er musste zum Meer. Da er kein Mensch war, kannte er keinen Stolz. Also änderte er seinen Lauf, floss links oder rechts an diesen Felsen vorbei. Er wechselte die Richtung, teilte sich manchmal, wurde zum tobenden Wasserfall, zum schnellen Strudel und dann wieder zum gemächlich gleitenden Strom, auf dem sich das Morgenlicht wie in einem stillen Spiegel selbst erkannte.

All diese Formen und noch viele mehr nahm unser mittlerweile großer, breiter Fluss ein, und doch vergaß er niemals auf seiner Reise durch das Leben, was er wollte, ja, was er musste.

Eines Tages überkam den Fluss die Ahnung, dass das ersehnte Ziel nicht mehr weit sein konnte. Ein Hauch von Salz lag in der Luft und über ihm, am weiten Himmel, tauchten immer wieder Möwen auf, wie die Vorboten seines Glücks. Unser Fluss frohlockte und jauchzte. Nur noch einige hundert Meter bis zum Meer …

Doch da – kurz vor der Erfüllung – traf der Fluss auf die Wüste. Er war im Laufe seiner Reise so mächtig geworden, doch hier versagten seine Kräfte. All sein klares Wasser der Absicht versickerte im unendlichen Sand der Wüste.

Resigniert und geschockt zog sich unser Fluss zurück, so, wie du es manchmal tust. Er verstand nicht. Er hatte doch alles richtig gemacht. Er wusste doch soooo genau, dass seine letztendliche Bestimmung das Meer war. Wahrscheinlich hatte er sich nur nicht stark genug angestrengt. Also sammelte er den Winter über seine Kräfte, um im Frühjahr mit noch mehr Entschlossenheit und Kraft den Durchgang zum Meer zu ertrotzen. Und … es gelang ihm wieder nicht. Er wurde nun zornig. Er hasste die Wüste. Er hasste sich. Jahr für Jahr warf er sich seinem Widersacher immer verbitterter entgegen. Aus seinem Kampf wurde Gewohnheit. Aus der einst so süßen Sehnsucht eine schale, blasse Erinnerung. Aus unserem jungen, alles für möglich haltenden Fluss wurde ein müder Strom, sein einst so helles Wasser durch viele schmerzhafte Erfahrungen trübe und dunkel. Hier könnte unsere Geschichte enden, so wie an dieser Stelle das Leben vieler Menschen aufhört – resigniert und festgefahren im Kampf mit der Wüste – mit den Situationen und Beziehungen deines Lebens, in denen es dir genauso geht wie unserem kleinen Fluss.

Ja, hier könnte die Geschichte enden, wenn nicht eines Tages ein leises, sanftes Flüstern unseren Fluss aus seiner Lethargie geweckt hätte. Der Wind streichelte zart über seine müde Seele. Er wollte nichts von ihm und brachte gleichzeitig den fernen Klang der Wellen und den Geschmack des Salzes mit sich. Es war, als wenn der Wind ein stilles Lied für den Fluss singen würde.

Eine uralte Ahnung begann sich in unserem Fluss zu regen, tief, ganz tief innen. Eine Ahnung von unermesslicher Weite begann in das Lied des Windes mit einzustimmen. Ein Lied der Freiheit. Der Freiheit von Form. Der Freiheit von Zeit. Der Fluss erwachte aus seinem Dämmerschlaf und begriff, jenseits von Worten, dass er selbst immer schon ein Teil des Meeres gewesen war. Keine Wüste dieser Welt war je in der Lage, ihn davon abzuhalten, das zu sein, was er ist. Wahrscheinlich hätte dir unser Fluss in diesem Augenblick nicht erklären können, was geschah. So wie du für das Wissen, das du manchmal und vielleicht jetzt gerade in dir spürst, keine passenden Worte findest. Er wusste einfach. Und in diesem Wissen ließ er los. Er ließ die Erinnerung an die unzähligen Jahre des Kämpfens los. Er ließ seine Zweifel los, seine Verbitterung und seinen Schmerz. Er ließ seine angestrengte Suche nach dem Meer los und letztendlich sogar die Idee, ein Fluss zu sein. In dieser Kapitulation lag ein stilles, friedvolles Erkennen und in diesem Frieden die Bereitschaft, einfach zu sein, was auch immer gerade ist. Und der Wind kam erneut. Er war jetzt stärker und wärmer. Die Wüste hatte ihm ihre Hitze geschenkt. Er verwandelte das Wasser des Flusses in schwerelosen, formlosen Dampf, formte daraus eine graue, dichte Wolke und trieb sie über das Meer. Langsam begannen sich Millionen von kleinen, glitzernden Regentropfen aus der Wolke zu lösen. Sie fielen tief. Sie kamen da an, wo sie immer schon gewesen waren. Der Fluss war zuhause.

(Veit Lindau)

(Fotos: Wikimedia, Public Domain)

 

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