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alltagswelt


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Die Geschichte vom Schneemann, der nicht schmelzen wollte
Eine Geschichte für Kinder und alle, die es werden wollen


An einem grauen, verhangenen Tag im Januar begannen plötzlich und ganz unerwartet Schneeflocken vom Himmel herabzutanzen.

Das neue Jahr hatte mit Regen angefangen, und kaum jemand rechnete noch mit Schnee. Dabei wünschten sich die Menschen so sehr einmal wieder richtigen Schnee, so wie früher – schönen, glitzernden weißen Schnee, der zuerst eiskalte Hände macht und dann ganz warme. Die Kinder waren schon ganz traurig – sollten sie auch in diesem Winter nicht Schlitten fahren können? Keine Schneeballschlacht? Keinen Schneemann? Sie drückten sich die Nasen platt am Fenster, aber draußen war es nur nass und nebelig. Und die Kinder in der Großstadt hatten überhaupt schon fast vergessen, wie sich glitzernder, schneeweißer Schnee anfühlt.

Aber dann, eines Tages, hatte der Himmel Mitleid mit dem Land ohne Schnee, und er wurde eisgrau und ließ es frieren. Die Menschen sagten: „Es riecht nach Schnee!“ Und richtig, am Abend begann es, weiße Flocken zu schneien. Zuerst waren es nur wenige, dann immer mehr und immer dickere und dichtere. Lautlos und sanft schwebten sie auf die Erde und bedeckten sie über und über mit einem Schleier. Dann wurde der Schleier noch weißer und dichter. Er deckte die Erde zu wie mit einer weichen Decke. Die Menschen freuten sich sehr und wünschten sich, dass es noch nicht so bald aufhören sollte zu schneien. Und wirklich schneite es die ganze Nacht.

Am nächsten Morgen jubelten die Kinder – davon hatten sie ja schon lange geträumt. Das ganze Land, die Wiesen und Wege, die Bäume und Büsche hatten sich verwandelt in eine funkelnde und glitzernde Schneeflockenwelt. Die Kinder rannten hinaus und beschlossen, als erstes einen Schneemann zu bauen. Ein großer, dicker, besonders schöner Schneemann sollte es werden, möglichst einer, der bis zum Frühjahr hielt. Und jeder sollte ihn bewundern.

Sie begannen, eine Kugel zu formen, die sie immer wieder durch den Schnee rollten, bis sie dick genug war – so wie man eben einen Schneemann baut. Eine zweite Kugel, nicht ganz so dick, setzten sie auf die erste, und schließlich formten sie den Kopf. Die Kinder gaben sich sehr viel Mühe, und sie achteten sorgfältig darauf, dass es ein wohlproportionierter, stattlicher Schneemann wurde, der sich sehen lassen konnte. Er bekam Arme aus Schnee, Augen aus zwei runden Kieselsteinen und eine Mohrrübe als Nase. Ein kleines Aststückchen wurde sein Mund, und schließlich fühlte sich der neugeborene Schneemann ganz vollständig.

Aber etwas fehlte noch – die Kinder gaben ihm einen Spazierstock in die Hand und banden ihm einen Schal um den Hals, und eine alte Wollmütze auf den Kopf bekam er auch noch. Das verstand der Schneemann nun gar nicht, wo doch jeder weiß, dass Schneeleute niemals frieren! Aber er fand es ganz lustig und fühlte sich einfach großartig. Er freute sich wie ein Schneekönig und war ganz stolz, dass er weit und breit der schönste Schneemann war, den man je gesehen hatte.

Und wie schön er in der Sonne glitzerte! Ja, er war schon ein bisschen eitel, aber nur ein bisschen! Und wenn er ein wenig schielte, konnte er seine rote Nase sehen, und die gefiel ihm ganz besonders gut. Er machte sich anfangs insgeheim Sorgen, dass ein Kaninchen oder ein Hase auf Futtersuche ihm seine Nase abfressen könnte, aber gottseidank war er ja so groß und stattlich, da kamen sie nicht heran.

Mit seinen kugelrunden Augen beobachtete er nun die Kinder, wie sie ihren Spaß im Schnee hatten und um ihn herumtanzten. Sie hatten ihm auch einen Namen gegeben – Anton sollte er heißen. Diesen Namen fand er ziemlich albern – schließlich war er doch er selbst und unverwechselbar, oder? Aber eigentlich war es ihm egal, so sind die Menschen eben, dachte er, für alles brauchen sie einen Namen.

Langsam ging der Tag zu Ende, und es wurde dunkel und ganz still. Die Kinder schliefen und träumten Schneeträume, und auch der Schneemann Anton ruhte sich von der Aufregung seines Schneemannwerdens aus. Er gefiel sich wirklich außerordentlich gut und fand, dass die Kinder ihre Sache sehr gut gemacht hatten. Er schaute versonnen über das Land, auf das nun der Mond schien, und allmählich begann auch er zu träumen. Nun ja, er träumte, was Schneemänner eben so träumen: Von klirrender sibirischer Kälte und immerwährendem glitzerndem Winter, von schneebedeckten Bergen, von gefrorenen Flüssen und Seen, von Eiszapfen, Eisbären und Schneehasen – und von Pinguinen. Mit Pinguinen würde er sich sicher ganz besonders gut verstehen. Es könnte ihm gar nicht kalt genug sein, dachte er.

Einmal schreckte Anton, der Schneemann, plötzlich aus seinem Traum auf. Es kam ihm plötzlich der Gedanke, was wohl aus ihm werden sollte, wenn es wärmer würde … Schließlich war er ja nicht in Grönland zuhause! Aber da würde ihm schon etwas einfallen. Und er träumte weiter vom ewigen Schneeland.

Am nächsten Morgen war das Wetter wunderbar freundlich und kalt, und die Kinder begrüßten ihren neuen Freund Anton. Und Anton hatte seinen Spaß mit ihnen und freute sich des Lebens. Es blieb sehr lange so kalt, und es schneite hin und wieder neuen Schnee dazu. Das einzige, was ihm so allmählich zu schaffen machte, war, dass die Sonne jeden Tag ein bisschen länger schien. Aber er machte sich noch keine allzu großen Sorgen, die kalten Nächte waren viel zu schön.

Seine Träume aber veränderten sich bald. Sie waren nicht mehr länger angenehm, sondern wurden gruselig und schrecklich. Er träumte wegen der vielen Sonne nämlich immer öfter vom Frühling und von Wärme, und er wachte vor Angst schwitzend auf. Und überhaupt schwitzte er nicht mehr nur vor lauter Angst, sondern es wurde wirklich jeden Tag wärmer und wärmer. Es fror in der Nacht nicht mehr so sehr, und auf seiner Haut hatte sich eine dünne Eisschicht gebildet. Er glitzerte auch nicht mehr so schön, und so richtig wohl fühlte er sich auch nicht mehr. Er schwitzte immerzu, und es war ihm viel zu warm. Er wollte die Kinder bitten, ihm wenigstens Schal und Mütze abzunehmen, aber sprechen konnte er ja nicht. Schneemänner können doch nur fühlen und höchstens träumen!

Da wurde der Schneemann Anton ganz traurig, und er weinte dicke Tränen. Die Kinder beachteten ihn auch gar nicht mehr so wie früher. Anton fühlte sich zusehends einsamer. Er kam sich sehr klein und hilflos vor und gar nicht mehr groß und stattlich. Er hatte schon ordentlich abgenommen, die Wärme machte ihm sehr zu schaffen. Seine Haut wurde hart und spröde wie Glas. Er konnte sich nicht freuen über die Schneeglöckchen und den erwachenden Frühling im Land, nein, wirklich nicht!

Schließlich bekam er Angst um sein Leben, und er dachte verzweifelt darüber nach, was er unternehmen könnte. Er erinnerte sich an seine Träume vom ewigen Schnee und Eis, und selbst seine rote Nase tropfte vom vielen Schwitzen und Weinen. Er war schon ganz kraftlos geworden und konnte nicht einmal mehr seinen Stock richtig festhalten. Er wurde noch viel trauriger und wollte alle Hoffnung aufgeben. Und wer könnte ihm schon helfen?

Eines Nachts aber kehrte der Winter für kurze Zeit zurück, wie das eben der Winter manchmal so macht. Es wurde noch einmal knackig kalt – Anton lebte auf und fühlte sich auf einmal viel besser. Seine Lebensgeister kehrten zurück! Nein, er wollte doch nicht sterben und einfach so zerfließen! So gut war es ihm gegangen – das sollte vorbei sein? Nein, nein, nein. Schließlich war er doch so stolz auf sich gewesen, und das Leben war so schön!

Und plötzlich hatte er eine Idee! Er würde auswandern – ganz einfach weggehen! Er würde das Land seiner Träume suchen und dort wohnen! Er erschrak ein bisschen vor seinem eigenen Mut. Das hatte noch kein Schneemann vor ihm gewagt! Je länger er darüber nachdachte, desto entschlossener wurde er – jetzt oder nie! Oder würde man ihn hier vermissen? Nein, das glaubte er nicht mehr – obwohl ihm das ein klein wenig weh tat. Jetzt, wo der Frühling kam, würde man keine Notiz mehr nehmen von einem schmelzenden Schneemann.

Und der Schneemann Anton beschloss, sich sofort auf den Weg zu machen. Er bewegte sich, zuerst mühsam und unbeholfen. Schließlich hatte er das Gehen nie gelernt. Bei den Kindern hatte er aber beobachtet, wie das geht, und die dicke Kugel zu seinen Füßen war auch schon so dünn geworden, dass er leicht so etwas wie zwei Beine daraus machen konnte. Er half mit seinem Spazierstock etwas nach, und tatsächlich – er konnte gehen, und es funktionierte immer besser. Er bewegte sich noch etwas steif, aber er konnte sich ja auf seinen Stock stützen.

Und ganz automatisch nahm Anton den Weg nach Norden, Schneemänner haben das im Gefühl. Er ließ die Stadt hinter sich, die Häuser und die Menschen und den Frühling, er lief und lief, und mit jedem Schritt fühlte er sich besser. Pausen machte er keine, die Kälte sorgte dafür, dass all seine Kraft zurückkehrte. Und schließlich hatte er es ja auch sehr eilig. Und während er Kilometer um Kilometer Tag und Nacht in Richtung Norden lief, fühlte er sich wohler und wohler, und auch Angst hatte er keine mehr.

Er freute sich an den weißen Landschaften, überquerte eisige zugefrorene Flüsse, winkte den Schneehasen und den Schneeeulen zu und lächelte in sich hinein. Es war sehr lustig anzusehen, wie sie staunten und große Augen bekamen. Ja – einen Schneemann auf Wanderschaft habt ihr noch nie gesehen, wie?

Schließlich kam Anton, der Schneemann, am großen nordischen Meer an, Eisbären und Pinguine begegneten ihm, und er freute sich so sehr, dass er die Tiere aus seinen Träumen wirklich und leibhaftig sehen konnte – es gab sie ja wirklich! Und fast wollte er schon wieder ein paar Tränen vergießen, diesmal  aus lauter Freude. Aber dafür war es ja viel zu kalt, und Eiszapfen in den Augen ... wie sieht das denn aus?

Langsam verstand Anton. Er war endlich zuhause! Er hörte auf zu rennen und suchte sich einen Platz neben einem dicken Eisberg, an den er sich anlehnen konnte. Alle Anspannung fiel von ihm ab, und er ruhte sich erst einmal richtig aus.
Er schaute sich die Landschaft an, und beobachtete die Sonne, die nur kurz über den Horizont wanderte. Sie konnte ihm nichts mehr anhaben, und er konnte sich jetzt wieder über sie freuen, wenn sie den Schnee in eine kristallfunkelnde Glitzerdecke verwandelte. Ja, hier fühlte er sich wohl, und hier wollte er bleiben. Abgesehen natürlich von den vielen Ausflügen, die er bald zu unternehmen gedachte. Er würde sein neues Zuhause ausgiebig erkunden, wenn er sich richtig ausgeschlafen hatte. Und wer weiß, vielleicht würde ihm eines Tages ja auch einmal ein anderer Schneemann begegnen – einer, der auch laufen gelernt hatte und nicht schmelzen wollte?

Der Schneemann Anton war so glücklich, wie er es noch nie vorher gewesen war, und er war jetzt auch wieder stolz auf sich. Hatte er doch den Mut gefunden, etwas zu tun, was noch nie jemand vor ihm getan hatte!

(© 1985 Sigrid Dittmann :: www.sevillana.de)

 

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