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Eine Geschichte über Essensduft, Geldklimpern und Gerechtigkeit


Einer der Armen der Stadt Aksehir hatte sich ein Stück Brot verschaffen können.

Während er darüber nachdachte, wie er es anstellen müsste, um eine Zuspeise zu erhalten, kam er vor eine Gaststätte. In dem offenen Lokal war der Koch gerade dabei, das Essen zuzubereiten.

Der Fleischkessel dampfte und verbreitete einen herrlichen Duft, der auch dem Armen in die Nase stieg. Dieser beugte sich über den Kessel, brach das Brot und ließ jedes Stück vom ausströmenden Dampf bestreichen.

Diese Art, sein Mahl zu halten, verblüffte den Koch, und er schaute eine Weile wortlos zu. Doch als der Arme sein Mahl beendet hatte, packte er ihn am Kragen und forderte ihn auf, für das Essen zu zahlen.

Der Arme lehnte indes dieses Ansinnen ab, indem er beteuerte, er habe doch nicht einen Bissen von dem Fleischgericht verzehrt.

Der Koch schleppte den Armen vor den Kadi. Dieses Amt übte zu jener Zeit Nasredin Hodscha aus. Nachdem der Hodscha die beiden Parteien schweigend angehört hatte, wie es bei einer ordentlichen Gerichtsverhandlung üblich ist, holte er zwei Silbergroschen aus der Tasche und winkte den Koch zu sich heran.

"Tritt näher und spitz die Ohren!" sagte er und ließ die beiden Geldstücke klimpern.

"Nimm den Klang des Geldes und scher dich fort!"

"Das ist doch keine Verhandlung", protestierte der Koch.

"Doch! Mit diesem Urteil wird der Gerechtigkeit Genüge getan. Wer den Duft des Essens verkauft, hat lediglich Anspruch auf das Klimpern des Geldes."


(Eine Geschichte von Mulla Nasredin; Bildquelle: commons.wikimedia.org)

 

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